Fachkongress für Inklusion

Wettbewerbsfähig durch authentische Stimmen

Montagmorgen, das Telefon klingelt. Eine Journalistin bittet um eine Stellungnahme zu den Arbeitsbedingungen in der Werkstatt, innerhalb von zwei Stunden. Die meisten Einrichtungen haben für diesen Moment keinen Plan: keine abgestimmten Botschaften und niemanden unter den Beschäftigten, der vorbereitet wäre, für sich selbst zu sprechen. Dieser Anruf kommt vielleicht nicht heute. Aber er kommt.

Mit dieser Szene sind wir im März zur ersten youcan nach Leipzig gefahren, dem YouCan-Fachkongress für Inklusion im Arbeitsleben der BAG WfbM. Unser Thema dort: warum inklusive Kommunikation kein Extra ist, sondern eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit.

Druck von mehreren Seiten

Der Druck auf Werkstätten kommt heute von mehreren Seiten zugleich. Seit Jahren ist kritische Berichterstattung über ein zurecht reformbedürftiges System der Normalfall. Gleichzeitig entscheidet sich Fachpersonal längst online, ob es sich überhaupt bewirbt. Wer eine Gruppenleitung sucht, konkurriert nicht mit der Stellenanzeige der Nachbarwerkstatt, sondern mit deren Kanal, auf dem Beschäftigte selbst erzählen, wie ihr Arbeitstag aussieht. Und seit 2025 stellt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz zusätzliche Anforderungen an alle digitalen Kanäle.

Das ist kein Vorwurf. In den meisten Werkstätten ist die Personaldecke in der Kommunikation dünn, oft macht eine Gruppenleitung die Öffentlichkeitsarbeit nebenbei. Gerade deshalb lohnt der Perspektivwechsel.

Über, mit, durch

Im Kern steht ein Satz, den wir in Jahren der Begleitung hundertfach bestätigt gesehen haben: Es wird viel zu viel über Menschen mit Beeinträchtigung gesprochen, selten mit ihnen und noch seltener durch sie.

Das ist kein moralischer Vorwurf, sondern eine Beschreibung der Realität, und diese Realität hat Folgen. Wenn die einzigen Stimmen, die nach außen dringen, die der Geschäftsführung und der Pressestelle sind, fehlt das, womit eine Werkstatt heute zahlt: Glaubwürdigkeit. Sie fehlt bei Journalist*innen, die eine Geschichte suchen, bei Bewerber*innen, die wissen wollen, wie es wirklich ist, und bei Auftraggebern, die Partner brauchen, deren Haltung sie ihren eigenen Kundschaft zeigen können.

Drei Felder, in denen sich das auszahlt

Authentische Stimmen wirken auf drei Ebenen, und alle drei sind wirtschaftlich.
Das erste Feld ist die Personalgewinnung. Wer sichtbar macht, wie Zusammenarbeit in der Werkstatt tatsächlich aussieht, zieht die Menschen an, die zu ihr passen. Eine Bewerberin, die auf dem Kanal sieht, wie Beschäftigte und Fachkräfte miteinander arbeiten, ist überzeugter als von jeder Anzeige. Und nach innen erleben Beschäftigte, die an der Kommunikation mitwirken, Selbstwirksamkeit. Das stärkt die Identifikation mit dem eigenen Ort, und Identifikation schafft Engagement.

Das zweite Feld ist die Kundenbindung. Auftraggeberinnen stehen selbst unter Druck, etwa durch Berichtspflichten zu Nachhaltigkeit und die Sorge um den eigenen Ruf. Sie brauchen Partner, deren Inklusion sie glaubwürdig belegen können. Inhalte, in denen Menschen mit Beeinträchtigung selbst zeigen, dass sie gern und stolz arbeiten, lassen sich auf den Kanälen der Kooperationspartner weitertragen. Inklusive Kommunikation wird so zum Vorteil, nicht nur für die Werkstatt, sondern auch für ihre Kundinnen.

Das dritte Feld ist der Schutz des eigenen Rufs. Authentische Stimmen sind schwerer angreifbar als ein offizielles Statement. Wenn ein Werkstattrat öffentlich sagt, dass hier auf Augenhöhe gearbeitet wird, hat das ein anderes Gewicht, als wenn die Geschäftsführung dasselbe sagt. Und eine Werkstatt mit einer engagierten Gemeinschaft ist im Ernstfall nicht allein: Oft reagieren die eigenen Follower*innen auf Kritik, bevor die erste Zeile einer Stellungnahme getippt ist. Wer keine authentischen Stimmen hat, ist bei Gegenwind ungeschützt. Schweigen schützt nicht, es macht angreifbarer.

Ehrlich bleiben

Natürlich gibt es Einwände. Beschäftigte sagen vielleicht etwas, das nicht im Skript steht, und nicht jede Aufnahme wirkt professionell. Doch das sind Risiken, die sich mit klaren Absprachen, Vorlagen und etwas Begleitung einkalkulieren lassen. Der größere Aufwand liegt am Anfang, beim Aufsetzen der Strukturen. Schwerer einzuschätzen ist das andere Risiko: gar nicht zu kommunizieren und der Darstellung anderer ausgeliefert zu sein.

Eine Voraussetzung lässt sich dabei nicht delegieren. Inklusive Kommunikation gelingt nur, wenn die Geschäftsführung sie als echte Aufgabe anerkennt und nicht als Extra, das jemand nebenbei erledigt. Wo dieser Rückhalt da ist, wird aus einem Redaktionsteam mehr als ein Kommunikationsinstrument. Es wird zu Personalentwicklung und manchmal sogar zu einem neuen Beschäftigungsfeld.

Was bleibt ist Haltung

Inklusive Kommunikation ist keine wohltätige Geste und kein Projekt für „irgendwann“. Sie ist ein Werkzeug für Personalgewinnung, Kundenbindung und den Schutz des eigenen Rufs. Und sie beginnt nicht mit Technik oder einem Kanal, sondern mit einer Haltung: Menschen mit Beeinträchtigung sind nicht das Thema, über das gesprochen wird, sondern die Stimmen, die am glaubwürdigsten für ihre Werkstatt sprechen. Man muss ihnen nur zutrauen, gehört zu werden, und die Strukturen schaffen, damit sie es werden.